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Bernd Raffelhüschen

deutscher Ökonom, seit 1995 Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Freiburg Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

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Bernd Raffelhüschen (* 7. Oktober 1957 in Niebüll) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler und Hochschullehrer. Er lehrte an der Universität Bergen und ist seit 1995 Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ist er Mitglied verschiedener Aufsichtsräte und tritt gegenüber Politik und Öffentlichkeit als Lobbyist[1][2] u. a. für die Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)[3] auf.

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Leben

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Raffelhüschen studierte ab 1977 Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der FU Berlin und der Universität Aarhus. 1989 wurde er an der Universität Kiel zu einem Thema der Geldtheorie und Sozialpolitik mit summa cum laude promoviert. 1994 erfolgte gleichfalls in Kiel die Habilitation bei Wolfgang Kitterer. 1994 erhielt Raffelhüschen einen Ruf an die Universität Bergen (Norwegen), der er nach eigenen Angaben bis 2019 als Professor II mit einem Deputat von 20 % angehörte. Seit 1995 ist Raffelhüschen Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwissenschaft, an der Universität Freiburg. Zu den Förderern des Instituts gehört u. a. der Verband der Privaten Krankenversicherung e. V.[4][5]

Mit Genehmigung der Universität Freiburg hält oder hielt Raffelhüschen Aufsichtsratspositionen bei der Ergo Group[6] sowie der Volksbank Freiburg[7] und als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei der Augustinum-Gruppe.[8] Die Entwicklung eines Modells der Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme führte 2002 zur Berufung in die Rürup-Kommission.[9] Er ist außerdem Mitglied des Vorstands der Lobbyorganisation Stiftung Marktwirtschaft.[10] Darüber hinaus ist er als „Botschafter“ der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft tätig.[3] Raffelhüschen ist Beiratsmitglied der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, des Verbands kinderreicher Familien Deutschland[11] sowie der Walter-Raymond-Stiftung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.[12] Seit 2011 ist er als Autor des jährlich erscheinenden Glücksatlas aktiv.[13] Seit 2017 ist er Studienleiter der Deutschen Immobilienakademie an der Universität Freiburg.[14]

Seit den 1990er Jahren ist Raffelhüschen mit der ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten Claudia Raffelhüschen verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder und leben in Freiburg-Littenweiler.[15]

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Wissenschaftliches Werk

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Raffelhüschen ist nach eigenen Angaben ein Vertreter der Freiburger Schule. Auf diese Tradition bezieht sich Raffelhüschen mit seinen wirtschaftsliberalen Auffassungen zur Reform der deutschen Sozialversicherungen. Raffelhüschen befasst sich ebenfalls mit den Auswirkungen des demographischen Wandels auf die öffentlichen Finanzen.[16]

Raffelhüschen begründet seine Analysen mit der „Generationenbilanzierung“. Im Auftrag der Stiftung Marktwirtschaft veröffentlicht er seit 2006 regelmäßig eine Generationenbilanz für Deutschland, um seine Sicht auf Kenngrößen wie die langfristige Entwicklung der Staatsfinanzen, die Inflation oder die Zinsentwicklung darzulegen. Die Methodik der Generationenbilanzierung[17][18][19] und das Konzept der „impliziten Staatsschuld“ bzw. der „Nachhaltigkeitslücke“[20] werden in den Wirtschaftswissenschaften teils heftig kritisiert.

Studien zur Rente

In den Generationenbilanzen für die Stiftung Marktwirtschaft macht Raffelhüschen auf die sogenannte „implizite Staatsschuld“ aufmerksam und plädiert für Korrekturen des Systems.[21] Er prognostiziert seit 2004 auf Basis seiner Generationenbilanzierung ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen Rentenzahlungen und zugehörigen Einnahmen.[22] Daher forderte er eine stärkere private Vorsorge, eine Senkung des Rentenniveaus, eine Verlängerung der Arbeitszeit und eine Abschaffung des vorgezogenen Ruhestands.[23][24] Sozialverbände sowie verschiedene Medien und Parteien kritisierten diese Forderungen.[25][26]

Raffelhüschen kritisierte zudem im Jahr 2017 die Höhe der ostdeutschen Renten als zu hoch; die Angleichung der Renten zwischen Ost und West sieht er als ungerecht an.[27] Er wirbt für eine Ergänzung des umlagefinanzierten Rentensystems durch eine kapitalbasierte Rente und setzt sich für mehr „Nachhaltigkeit“ in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ein.[28] Zur Rente, speziell zur Altersarmut, ist seine Aussage bekannt: „Es gibt keine Altersarmut in Deutschland. Sie ist quasi irrelevant.“[29]

Raffelhüschen wirkte im Jahr 2022 auch bei einer Generationenbilanz zur Schweizer Alters- und Hinterlassenenversicherung für die Großbank UBS mit.[30] Der Schweizerische Gewerkschaftsbund kritisierte die Methodik und warf der Studie vor, ihre wahren Beweggründe zu verschleiern: Es störe „die Topverdiener, mehr in die AHV einzuzahlen, als sie an Rente beziehen“. Ferner sei es für die UBS attraktiver, „wenn die SchweizerInnen private Altersvorsorgeprodukte kaufen, als wenn die AHV ausgebaut wird“.[31]

Studie zur Migration

2024 stellte Raffelhüschen die Ergebnisse einer von der Stiftung Marktwirtschaft beauftragten Studie auf Basis der Generationenbilanzierung vor, nach der die Migration Geringqualifizierter (z. B. jene über die Asylmigration) nach Deutschland ein massiver Kostenfaktor ohne Nutzen sei. Konservative Medien und Parteien griffen die Studie als Beweis auf, dass diese Migration Geringqualifizierter dem Land schade.[32][33][34] Die der SPD bzw. den GRÜNEN nahestehenden Wirtschaftswissenschaftler Jens Südekum und Marcel Fratzscher kritisierten die Methodik der Studie. Jens Südekum kritisierte, dass als Annahme „die heutige Gesetzgebung in alle Ewigkeit fortgeschrieben“ werde. Unter dieser Annahme hätten in Raffelhüschens Studie auch alle in Deutschland geborenen Kinder „über den restlichen Lebenszyklus eine negative fiskalische Bilanz“. Jeder neugeborene Mensch in Deutschland werde unter dieser Prämisse zu einer Nettobelastung für die Sozialsysteme.[35] Raffelhüschens Studie bezichtigten Südekum und Fratzscher des „menschenfeindlichen Nullsummendenkens“.[36] Migration sei jedoch im Gegenteil nicht nur förderlich, sondern sogar essentiell für die deutsche Wirtschaft und das Gemeinwesen.[37][38]

Studien zur Schuldenbremse

Raffelhüschen verfasste 2011 eine Studie für die Lobbyorganisation Bund der Steuerzahler Deutschland, in der er zu dem Schluss kam, dass die meisten Bundesländer überschuldet seien. Raffelhüschen sprach von griechischen Verhältnissen. Seiner Voraussage nach würden viele Bundesländer die Schuldenbremse nicht einhalten können; vor allem Pensionszahlungen würden die Reserven aufzehren.[39][40] 2023 veröffentlichte er eine weitere Studie im Auftrag des Steuerzahlerbundes.[41] Raffelhüschen betrachtete die Schuldenbremse im deutschen Bundeshaushalt 2023 als „Segen“,[42] der unbedingt bewahrt bleiben müsse.[43] Sparen müsse Deutschland vor allem an Sozialausgaben.[44]

Studie zur Pflegeversicherung

Im Jahr 2005 verfasste Raffelhüschen im Auftrag der Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft eine Studie zur Lage der Pflegeversicherung. Raffelhüschen kam zum Schluss, dass der demografische Wandel allein die Pflegeversicherung in den folgenden 30 Jahren mindestens 250 Milliarden Euro zusätzlich koste. Götz Hamann schrieb in der Wochenzeitung Die Zeit, dass „Raffelhüschens Auftritt [...] nicht bloß ein kleiner Beitrag zur Reformdebatte“ sei. Vielmehr wurde Raffelhüschens Studie Teil „einer auf Jahre angelegten politischen Strategie“ der INSM.[45][46]

Studie zur Krankenversicherung

In einer weiteren Studie im Auftrag der INSM rechnete Raffelhüschen im Jahr 2011 vor, dass die deutschen Sozialversicherungen jährlich 100 Milliarden Euro für versicherungsfremde Leistungen ausgäben. Die INSM nutzte die Studie, um zu argumentieren, dass die kostenlose Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung „grob ungerecht“, also zu beenden sei.[47]

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Kritik an Lobbyarbeit

Kritisiert wurde, dass Raffelhüschen seine wissenschaftliche Tätigkeit, seine Politikberatung (Rürup-Kommission) und seine öffentlichen Auftritte als Wirtschaftsexperte mit Lobbyismus und gleichzeitigen Aufsichtsratsmandaten in der Versicherungswirtschaft verknüpft, ohne dies ausreichend kenntlich zu machen.[4][48]

Sonstiges

Raffelhüschen vertrat die These, dass die durchschnittliche Lebenserwartung mit dem Bruttoinlandsprodukt in Deutschland korreliere. Daraus folgerte er, dass die COVID-19-Pandemie in Deutschland wegen der einbrechenden Konjunktur über die reinen Krankheitsfolgen hinaus Lebenszeit kosten werde. Diesen Kausalzusammenhang bestritt jedoch der Soziologe Mirko Wenig.[49]

In einem NZZ-Meinungsbeitrag kritisierte er mit deutlichen Worten die Vorschläge Robert Habecks zum Liquiditätsaufbau der deutschen Sozialkassen und meinte, das Sozialsystem habe gar kein Einnahmenproblem. Vielmehr sollten die Rentenanwärter verstärkt Eigenbeiträge zur Rente ansparen.[50] Die Wirtschaftswoche wies darauf hin, dass Kapitalerträge schon lange mit Sozialabgaben belegt sind.[51]

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Publikationen (Auswahl)

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  • 2016 Die langfristigen Auswirkungen der Fluchtmigration auf die fiskalische Nachhaltigkeit in Deutschland, Bahnsen, L., Manthei, G. und B. Raffelhüschen, Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften, 14(4), 483–502.
  • 2013 Long-Term Fiscal Effects of Public Pension Reform in Norway – A Generational Accounting Analysis, Hagist, C., B. Raffelhüschen, A.E. Risa und E. Vårdal, Nordic Journal of Political Economy, 38(2), 1–23.
  • 2009 How Regional Differences in Taxes and Public Goods Distort Life Cycle Location Choices, Kotlikoff, L., B. Raffelhüschen und C. Hagist, Hacienda Pública Española/Revista de Economía Pública, 189(2), 47–80.
  • 2004 Denn sie wussten, was sie taten: Zur Reform der Sozialen Pflegeversicherung, Häcker, J. und B. Raffelhüschen, Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung, 73(1), 158–174.
  • 1999 Population Aging and Fiscal Policy in Europe and the United States, Gokhale, J. und B. Raffelhüschen, Economic Review, 35(4), 10–20.
  • 1999 Generational Accounting in Europe, Raffelhüschen, B., The American Economic Review, Papers and Proceedings, 89(2), 167–170.
  • 1996 Et generationsregnskab for Danmark, Jensen, S., P. Jacobsen, M. Junge und B. Raffelhüschen, Nationaløkonomisk Tidsskrift, 134(1), 39–60.
  • 1994 Social security and intergenerational redistribution: A generational accounting perspective, Boll, S., B. Raffelhüschen und J. Walliser, Public Choice, 81(1), 79–100.
  • 1992 Labor migration in Europe: Experiences from Germany after unification, Raffelhüschen, B., European Economic Review, 36(7), 1453–1471.
  • 1989 Alterssicherung und Staatsverschuldung, Raffelhüschen, B., Finanzarchiv, 47(1), 60–76.

Festschrift

  • Christian Hagist u. a. (Hrsg.): Fiskalische Nachhaltigkeit. Von der ökonomischen Theorie zum politischen Leitbild : Festschrift für Bernd Raffelhüschen zum 65. Geburtstag. Vahlen, München 2022, ISBN 978-3-8006-7009-3.
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