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Gliedergürteldystrophie

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Der Begriff Gliedergürteldystrophie (engl. limb-girdle muscular dystrophy, LGMD) bezeichnet eine Gruppe erblicher Muskelerkrankungen (Myopathien), deren gemeinsames Merkmal Lähmungen der Muskulatur des Schulter- und Beckengürtels sind. Schulter- und Beckengürtel werden in der Medizin zusammen als Gliedergürtel bezeichnet. Neben Muskellähmungen erfüllen die Gliedergürteldystrophien die Kriterien der Muskeldystrophie. Eine Muskeldystrophie ist gekennzeichnet durch Umbauprozesse des Muskelgewebes. Die Erkrankungen dieser Gruppe sind genetisch und klinisch heterogen. Sie werden durch unterschiedliche Genmutationen verursacht und die gleichen Genmutationen können ein sehr variables klinisches Bild hervorrufen. Der Beginn der Erkrankung reicht vom Kleinkindes- bis in das hohe Erwachsenenalter und es sind sowohl milde als auch schwere Verläufe möglich. Gliedergürteldystrophien sind seltene Erkrankungen. Schätzungen der Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) aller Gliedergürteldystrophien reichen von 1:14.500 bis 1:123.000.[1]

Schnelle Fakten Klassifikation nach ICD-10 ...
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Ursachen

Die Gliedergürteldystrophien werden durch Gendefekte auf verschiedenen Chromosomen verursacht. Diese führen zu struktureller Abweichung, zum Mangel oder zum völligen Fehlen von verschiedenen Muskelproteinen, was zu einer chronischen Schädigung der häufig beanspruchten Muskelfasern führt. Leitsymptom ist die zunehmende Schwäche und der sichtbare Schwund der betroffenen Muskelpartien.

Einteilung

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Die heute übliche Einteilung basiert auf der Klassifikation der molekulargenetisch nachweisbaren Genmutationen bzw. der veränderten Proteine. Nach dem Erbgang werden 2 Gruppen unterschieden: die autosomal-dominant vererbten Gliedergürteldystrophien, LGMD1, und die autosomal-rezessiv vererbten Gliedergürteldystrophien, LGMD2.[2]

Autosomal-dominante Formen der Gliedergürteldystrophien

Die autosomal-dominant vererbten Gliedergürteldystrophien sind relativ selten und machen etwa 10 % aller Gliedergürteldystrophien aus. Die Erkrankungen manifestieren sich meist im Erwachsenenalter (adult-onset) und der klinische Verlauf ist im Vergleich zu den autosomal-rezessiv-vererbten Gliedergürteldystrophien häufig weniger schwer.[3]

Weitere Informationen Typ, Genort ...

Autosomal-rezessive Formen der Gliedergürteldystrophien

Weitere Informationen Typ, Genort ...
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Diagnose

Thumb
Nachweis von alpha-Sarkoglykan in A) nicht betroffener Muskulatur, B) Fehlen desselben bei LGMD 2D

In der Ableitung der elektrischen Muskelaktivität (Elektromyografie, EMG) finden sich unspezifische Hinweise auf eine chronische Muskelschädigung (Myopathie). Durch bildgebende Verfahren wie die Computertomografie (CT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT) lassen sich besonders befallene Muskelgruppen darstellen. Labordiagnostisch ist häufig eine deutlich erhöhte Creatinkinase auffällig. Bei entsprechendem Verdacht durch klinische Symptome helfen meist immunhistochemische oder molekulargenetische Untersuchungen einer Muskelbiopsie, die Diagnose zu sichern.

Therapie

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Eine etablierte medikamentöse Therapie ist bei keiner der Gliedergürteldystrophien bekannt.[36] Die symptomatische Behandlung konzentriert sich auf krankengymnastische Maßnahmen zum Erhalt der Muskelkraft, zur Schulung von Alltagsbewegungen und zur Vorbeugung gegen Kontrakturen. Ein maximales Krafttraining gilt jedoch als ungünstig.[37] Wichtig ist auch eine sachgerechte Hilfsmittelversorgung in Form von Schienen (Orthesen), Gehstock, Rollator oder einem Rollstuhl. Bei Fehlstellungen der Füße oder der Wirbelsäule kommen insbesondere zur Wiederherstellung der Gehfähigkeit auch operative Behandlungsmaßnahmen in Frage. Bei einer auftretenden Beeinträchtigung der Sprechmotorik (Dysarthrie) ist eine logopädische Behandlung notwendig.

Nach Operationen oder anderen Umständen einer eingeschränkten Mobilität ist eine frühe Mobilisierung wichtig, da eine längere Immobilisierung von Patienten mit Gliedergürteldystrophie nicht selten dazu führt, dass die Gehfähigkeit verloren geht. Die Physiotherapie sollte bereits am Tag nach Operationen begonnen und konsequent durchgeführt werden.[37]

Bei Herzbeteiligung ist unter Umständen eine Therapie von Reizleitungsstörungen und anderen Erkrankungen des Herzens möglich.

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Medizingeschichte

Meist wird der Begriff der Gliedergürteldystrophien auf eine Arbeit von John Nicholas Walton und Frederick John Natrass aus dem Jahr 1954[38] zurückgeführt. Erste Beschreibungen von Gliedergürteldystrophien gehen bereits auf Arbeiten von Ernst von Leyden und Paul Julius Möbius in den Jahren 1876[39] beziehungsweise 1879[40] zurück.[41]

Literatur

  • V. Nigro, M. Savarese: Genetic basis of limb-girdle muscular dystrophies: the 2014 update. In: Acta myologica: myopathies and cardiomyopathies: official journal of the Mediterranean Society of Myology / edited by the Gaetano Conte Academy for the study of striated muscle diseases. Band 33, Nummer 1, Mai 2014, S. 1–12, ISSN 1128-2460. PMID 24843229. PMC 4021627 (freier Volltext).
  • E. Pegoraro, E. P. Hoffman: Limb-Girdle Muscular Dystrophy Overview. GeneReviews [Internet]. University of Washington, Seattle, 8. Juni 2000, [update vom 30. August 2012]. PMID 20301582.
  • L. Broglio, M. Tentorio u. a.: Limb-girdle muscular dystrophy-associated protein diseases. In: The neurologist. Band 16, Nummer 6, November 2010, S. 340–352, ISSN 1074-7931. doi:10.1097/NRL.0b013e3181d35b39. PMID 21150381. (Review).
  • C. T. Rocha, E. P. Hoffman: Limb-girdle and congenital muscular dystrophies: current diagnostics, management, and emerging technologies. In: Current neurology and neuroscience reports. Band 10, Nummer 4, Juli 2010, S. 267–276, ISSN 1534-6293. doi:10.1007/s11910-010-0119-1. PMID 20467841. (Review).
  • K. Bushby: Diagnosis and management of the limb girdle muscular dystrophies. In: Practical neurology. Band 9, Nummer 6, Dezember 2009, S. 314–323, ISSN 1474-7766. doi:10.1136/jnnp.2009.193938. PMID 19923111. (Review).
  • A. Ferbert, W. Kress: Klinik und Genetik der Gliedergürteldystrophien. In: Medizinische Genetik. Volume 21, Number 3, 2009, S. 332–336, doi:10.1007/s11825-009-0171-x
  • M. Guglieri, K. Bushby: How to go about diagnosing and managing the limb-girdle muscular dystrophies. In: Neurology India. Band 56, Nummer 3, 2008 Jul.–Sep., S. 271–280, ISSN 0028-3886. PMID 18974553. (Review).
  • M. Guglieri, V. Straub u. a.: Limb-girdle muscular dystrophies. In: Current Opinion in Neurology. Band 21, Nummer 5, Oktober 2008, S. 576–584, ISSN 1350-7540. doi:10.1097/WCO.0b013e32830efdc2. PMID 18769252. (Review).
  • F. Norwood, M. de Visser u. a.: EFNS guideline on diagnosis and management of limb girdle muscular dystrophies. In: European journal of neurology. Band 14, Nummer 12, Dezember 2007, S. 1305–1312, ISSN 1468-1331. doi:10.1111/j.1468-1331.2007.01979.x. PMID 18028188. (Review).
  • V. Straub, K. Bushby: The childhood limb-girdle muscular dystrophies. In: Seminars in pediatric neurology. Band 13, Nummer 2, Juni 2006, S. 104–114, ISSN 1071-9091. doi:10.1016/j.spen.2006.06.006. PMID 17027860. (Review).
  • D. Fischer: Klinische und bildgebende Differenzialdiagnose von Gliedergürteldystrophien. In: Klin Neurophysiol. Band 37, Nr. 3, 2006, S. 180–188, doi:10.1055/s-2006-940133.
  • J. Finsterer: Klinik und Genetik der Gliedergürteldystrophien. In: Der Nervenarzt. 2004, Volume 75, Number 12, S. 1153–1166, doi:10.1007/s00115-004-1769-5.
  • J. Sarparanta u. a.: Mutations affecting the cytoplasmic functions of the co-chaperone DNAJB6 cause limb-girdle muscular dystrophy. In: Nat Genet. Band 44, Nr. 4, 26. Feb 2012, S. 450–455, S1-2. doi:10.1038/ng.1103.
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Einzelnachweise

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