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Straßburger Schädelsammlung

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Bruno Beger bei der Tibetexpedition (1938 bis 1939)
Bruno Beger bei der Tibetexpedition (1938 bis 1939)

Unter dem Namen Straßburger Schädelsammlung ist eines der wohl bekanntesten und grausamsten NS-Verbrechen im Jahr 1946 aufgedeckt worden. Im Rahmen von Rassenforschungen wurden 115 Menschen im KZ Auschwitz für die Ermordung ausgewählt. 86 Personen starben anschließend in den Gaskammern des KZ Natzweiler. Die Leichen sollten zwecks einer rassenanthropologischen Studie für ein Museumsprojekt präpariert werden. Die Haupttäter waren Bruno Beger, Heinrich Himmler, August Hirt und Wolfram Sievers.

Hintergrund

Der Anthropologe Bruno Beger, der als Rasseprüfer im SS-Rasse- und Siedlungshauptamt eingesetzt war, gehörte 1938/39 zu den Teilnehmern der deutschen Tibet-Expedition unter der Leitung Ernst Schäfers und der Schirmherrschaft Heinrich Himmlers. Nach der Rückkehr der Teilnehmer wurde vom Leiter der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe Wolfram Sievers die Forschungsstätte Innerasien und Expeditionen gegründet, um die Ergebnisse der Expedition auswerten zu können. Bruno Beger befasste sich im Rahmen dieses Unterfangens mit der damals gängigen Vermutung, dass die Ursprünge der europäischen Rasse in Tibet lägen.[1] Diese These war unter anderem von Immanuel Kant und Johann Friedrich Blumenbach verbreitet worden.

Am 10. Dezember 1941 schlug Beger Sievers ein Habilitationsprojekt mit dem Titel „Die Wanderungswege der Indogermanen auf Grund nordrassiger Restbestandteile“ vor, in dem er die Wanderbewegungen anthropologisch belegen wollte, für die er in Tibet Anhaltspunkte gefunden zu haben glaubte.[2] Angehörige der Ethnien zwischen Tibet und Nordeuropa, an denen Beger die Wanderungsbewegung belegen wollte, wären möglicherweise einer Vermessung von Körper und Kopf zugänglich gewesen. Doch Beger wollte durch die Abformung des Kopfes zunächst ein Positivmodell des Kopfes des lebenden Probanden herstellen und dann den Kopf abtrennen und skelettieren. So wollte er die Differenzierungen zwischen Schädelskelett, Fettgewebe, Muskeln und Haut erfassen.

Stempel der Reichsuniversität Straßburg
Stempel der Reichsuniversität Straßburg
Wolfram Sievers zum Zeitpunkt des Nürnberger Ärzteprozesses.
Wolfram Sievers zum Zeitpunkt des Nürnberger Ärzteprozesses.

Nachdem Beger als Kriegsberichterstatter vom Kommissarbefehl Kenntnis erlangt hatte, wollte er sich diesen zu Nutze machen. Unter den Angehörigen der Soldaten und der Politkommissare der Roten Armee fanden sich zahlreiche Ethnien, die aus den Sowjet-Republiken zwischen Vorderasien und dem Kaukasus stammten, wie Usbeken, Kasachen, Tadschiken, Turkmenen oder Kirgisen. Da der Befehl vorsah, die „jüdisch-bolschewistischen Kommissare“ der Roten Armee direkt hinter der Front zu ermorden, wollte Beger deren Köpfe erhalten.(HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34145 Prozessakte Beger, Aussage Schmitz-Kahlmann vom 23. November 1960 und HStA Wiesbaden Abt. 461, Nr. 34151, Aussage Schmitz-Kahlmann vom 12. Juni 1967)Jüdischer Bolschewismus“ war ein politischer Propaganda-Begriff.[3] Die Wehrmacht stellte sich gegen dieses aufwendige Selektieren der Ethnien, die Abtrennung der Köpfe und Versendung in Konservierungsbehältern ins Reich. Kurz darauf wurde unter Begers Mitwirkung das „Kommando K“ aufgestellt. Diese vergleichsweise große Expedition in den Kaukasus mit 150 Teilnehmern, vielen Fahrzeugen und sogar einem eigenen Flugzeug, wurde unter Begers Mitwirkung ins Leben gerufen. Für ihn war die „Abteilung Mensch“ vorgesehen mit dem Ziel der „rassischen Totalerforschung des Kaukasus“.

Nach der deutschen Kapitulation in der Schlacht von Stalingrad am 2. Februar 1943 war der Zugang zum Kaukasus verschlossen, so dass die Expedition abgesagt wurde. Zwischenzeitlich hatte die Wehrmacht begonnen, sowjetische Kriegsgefangene an die SS zu überstellen. Sie sollten in Konzentrationslagern als Arbeitssklaven ausgebeutet werden. In den KZ sollten auch die Kommissare ermordet werden.[4] Beger wollte darum nun Schädel sowjetischer Kriegsgefangener aus Vorderasien in KZ erbeuten. Nachdem Adolf Eichmann mitteilen ließ, es sei jetzt gerade „besonders geeignetes Material“ im KZ Auschwitz verfügbar, reiste Beger, zusammen mit Hans Fleischhacker am 6. Juni 1943 dort hin, um 150 Personen für die Schädelgewinnung zu vermessen.[5]

In Auschwitz fand er jedoch lediglich 4 Innerasiaten vor, die seiner Vorstellung entsprachen. Die Historiker Peter Mierau und Wolfgang Kaufmann[6][7] haben gezeigt, dass Beger sich bei Himmler blamiert hatte, als er ohne Beweise für dessen Thesen aus Tibet zurückkam. Um nicht abermals ohne Ergebnisse zurückkehren zu müssen und Himmlers Gunst endgültig zu verlieren, wählte er 115 Menschen aus, von denen 109 als „Juden“ verzeichnet waren und begann diese zu vermessen. Nachdem Beger aufgrund einer Fleckenfieberepidemie abreiste, begann Sievers zu improvisieren und der Plan geriet außer Kontrolle. So wurden die 86 Personen, die Beger noch nicht vermessen hatte, zum KZ Natzweiler-Struthof deportiert und dort in einer eilig improvisierten Gaskammer ermordet.[8]

Das KZ Natzweiler-Struthof war kein Vernichtungs-, sondern ein Arbeitslager, weshalb es keine „reguläre“ Gaskammer gab und bis Oktober 1943 auch keine Krematoriumsbaracke.

August Hirt, der an der Auswahl der Opfer weder persönlich, noch durch Mitarbeiter beteiligt war, fuhr während der Ermordung und anschließender Konservierung der Leichen der Opfer in die Kur in die Steiermark. Da nach der Ermordung der Opfer die beim Berliner Vertreter des Monopolisten für die benötigte Abformasse (Apotela AG in Zürich) bestellte Abformmasse aus der Schweiz durch ein Versehen nicht ankam, mussten die Leichen anderweitig konserviert werden. Durch die Einbringung von 10 Litern Konservierungsflüssigkeiten quollen die Leichen so sehr auf, dass eine Abformung des „normalen“ Kopfes unmöglich geworden war. Die Anatomie verfügte damals nur über drei Leichenkühlfächer und war nicht in der Lage, neben den regulären Leichen für die Mediziner-Ausbildung so viele weitere Leichen aufzunehmen.[9] Die Leichen waren für Beger damit wertlos. Bis kurz vor dem Eintreffen der Alliierten in Straßburg befasste sich auch Hirt nicht mehr mit den fremden Leichen, die nicht in den Besitz seines Instituts übergegangen waren.

Bei der Befreiung Straßburgs wurden 86 Leichen entdeckt und 1951 auf dem jüdischen Friedhof in Strasbourg-Cronenbourg beigesetzt.

Die Opfer

Der Historiker Hans-Joachim Lang konnte durch seine Forschung die Identitäten sowie Lebensläufe der im KZ Natzweiler ermordeten 86 Opfer entschlüsseln und 2004 erstmals veröffentlichen.[10][11][12]

Die Namen der 86 Opfer
Hayum, Alfred

Franco, Abracham

Stamm, Günter

Steinberg, Sigurch

Marcus, Michael

Bohar, Harry

Herschwelt, Jacob

Pinkus, Herman

Katz, Jean

Cohen, Elei

Haarropt, Hugo

Geger, Beniamin

Bluosilio, Samuel

Polan, Jacob

Kahn, Lewi

Osepowitz, Heinrich

Basch, Joachim

Urstein, Maria

Baruch, Ernestine

Cally, Sarica

Wollinski, Walter

Cohn, Hugo

Duesen, Kurt

Ascher, Martin

Behrent, Joachim

Taffel, Menaelem

Benjamin, Günter

Zeelich, Gustaw

Litzki, Ichai

Izak, Israel

Markt, Erich

Rosenthal, Siegbert

Sachnowotz, Frank

Krotoschiner, Paul

Izraelski, Hans

Rafael, Izrael

Buchar, Nisin

Albert, Izrael

Saltech, Manrice

Kapom, Sabetajj

Francaise, Moritz

Asser, Ezra

Hassan, Charles

Esformes, Aron

Aron, Aron

Rafael, Samuel

Saul, Mordochaim

Isaak, Albert

Menasche, Lasas

Saltich, Albert

Eskaloni, Aron

Saporta, Moise

Acuhi, Dawid

Nathan, Dario

Bezsmiertny, Kalman

Sondheim, Emil

Matarass, Abracham

Decalo, Sabi

Herman, Rudolf

Frischler, Heinz

Dannenberg, Günter

Lewy, Kurt

Gichman, Fajsch

Arnades, Palomba

Amra, Elwira

Simon, Alica

Samdrichin, Marie

Soroschak, Sophie

Passman, Jeanette

Leibholz, Else

Susteil, Nimie

Bomberg, Sara

Nachmintz, Siniora

Attas, Allegra

Kohen, Juli

Nisin, Sarina

Noche, Sterina

Eskenasi, Ester

Nachman, Redzina

Alalouf, Bella

Berucha, Alcave

Jesta, Marta

Arouh, Jety

Amar, Emma

Cabeu, Rebeca

Nadale, Maria

Kempner, Maria

Grub, Brandel

Klein, Elisabeth

Aufklärung

Die Überreste der 86 ermordeten Menschen wurden erst bei der Befreiung der Universitätsstadt Straßburg in dem anatomischen Institut der Universität gefunden. Jedoch fehlten zu diesem Zeitpunkt bei insgesamt 70 Toten die Köpfe.[13] Erst im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses, der ab Dezember 1946 stattfand, wurden die Pläne Hirts für eine historische Schädelsammlung bekannt. Noch im gleichen Jahr wurden die Leichen in einem Sammelgrab auf dem jüdischen Friedhof von Straßburg beigesetzt.[14]

Am 8. Mai 1968 legte der damalige Generalstaatsanwalt Fritz Bauer eine Anklageschrift vor, in der er die Museumspläne von Hirt und Beger enthüllte. Bruno Beger wurde wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt, was der Mindeststrafe entsprach, da er laut Gericht nicht als (Mit-)Urheber der Schädelsammlung galt. Als Verantwortliche wurden Heinrich Himmler und August Hirt genannt, die sich jedoch bereits im Jahr 1945 das Leben genommen hatten.[15]

Erst 2018 wurde publik, dass das geplante Museum, für das die vorderasiatischen Opfer ermordet worden waren, entgegen bestehender Vermutungen, nicht in Straßburg gebaut werden sollte, sondern für eine andere Ausstellung vorgesehen war.[16] Für Baupläne und Budgetierung einer Ausstellung in Straßburg wurden bisher keine Belege gefunden. Begers größter Erfolg während der Nazi-Zeit war seine Mitwirkung an der „Tibet-Schau“ im Haus der Natur Salzburg. Von 1938 bis 1945 war das berühmte Museum als Forschungsstätte ins SS-Ahnenerbe integriert. Die dort bis heute ausgestellten Dioramen mit Lebensszenen von Tibetern lockten Besuchermassen an. Himmler plante, nach dem Muster des seriösen Museums, deutschlandweit weitere Häuser der Natur zu errichten.[17] Dort sollten im Rahmen der Naturkunde auch Abstammungstheorien gezeigt werden. Beger plante, sein Habilitationsprojekt durch Abformungen von Ethnien entlang der von ihm vermuteten Wanderungsbewegung in Form lebensechter Dioramen in einer musealen Ausstellung anschaulich zu machen. So sollte der Ausstellungsbesucher virtuell von Tibet bis Nordeuropa wandern können und dabei beobachten, wie sich das Erscheinungsbild der jeweiligen Lokalbevölkerung verändert. Anfang 1944 begann Sievers, für dieses Projekt Vorbereitungen zu treffen. Jedoch zog sich die Beschaffung von Devisen für den Kauf der Abformmassen bis kurz vor den Zusammenbruch des NS-Regimes hin, so dass es nicht realisiert wurde.[18]

Literatur

Dokumentarfilme

Einzelnachweise

  1. Morde für die Wissenschaft. Die Straßburger Schädelsammlung. In: skull-collection.com. (skull-collection.com [abgerufen am 25. Januar 2018]).
  2. Julien Reitzenstein: Dass SS-Ahnenerbe die »Straßburger Schädelsammlung« – Fritz Bauers letzter Fall. 1. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 2018, ISBN 978-3-428-15313-8, S. 207.
  3. Ueberschär, Gerd R.: Stauffenberg und das Attentat vom 20. Juli 1944: Darstellung, Biographien, Dokumente. Ungekürzte Ausg Auflage. Fischer-Taschenbuch-Verl, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-596-16278-9, S. 75.
  4. Felix Römer: Die Wehrmacht und der Kommissarbefehl. Neue Forschungsergebnisse. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ). Band 69, Nr. (2). Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Mainz 1. Dezember 2010, S. 243–274.
  5. Morde für die Wissenschaft. In: Die Namen der Nummern. Abgerufen am 24. Dezember 2018.
  6. Kaufmann, Wolfgang, 1957-: Das Dritte Reich und Tibet: die Heimat des „östlichen Hakenkreuzes“ im Blickfeld der Nationalsozialisten. Ludwigsfelder Verlagshaus, Ludwigsfelde 2009, ISBN 978-3-933022-58-5.
  7. Mierau, Peter, 1971-: Nationalsozialistische Expeditionspolitik: deutsche Asien-Expeditionen 1933–1945. Utz, München 2006, ISBN 3-8316-0409-6.
  8. zeitgeschichte: Skelette für Straßburg. In: Die Zeit. 19. August 2004, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 25. Januar 2018]).
  9. Julien Reitzenstein: Das SS-Ahnenerbe und die »Straßburger Schädelsammlung« – Fritz Bauers letzter Fall. 1. Auflage. Huncker & Dumblot, Berlin 2018, ISBN 978-3-428-15313-8, S. 306.
  10. Hans-Joachim Lang: Die Namen der Nummern. Wie es gelang, die 86 Opfer eines NS-Verbrechens zu identifizieren. Hoffmann und Campe, Hamburg 2004, ISBN 3-455-09464-3.
  11. 86 Lebensläufe. In: die-namen-der-nummern.de. Abgerufen am 24. Dezember 2018.
  12. Die Opfer der „Strassburger Schädelsammlung“. In: skull-collection.com. Abgerufen am 25. Januar 2018.
  13. Hans-Joachim Lang: NS-Verbrechen: Die Spur der Skelette. In: Spiegel Online. 6. Januar 2010, abgerufen am 25. Januar 2018.
  14. KZ-Arzt plante „Skelettsammlung“: Leichenteile jüdischer Nazi-Opfer entdeckt. In: n-tv.de. 19. Juli 2015, abgerufen am 23. Dezember 2018.
  15. SS-Ahnenerbe. Abgerufen am 25. Januar 2018.
  16. Julien Reitzenstein: Das SS-Ahnenerbe und die »Straßburger Schädelsammlung« – Fritz Bauers letzter Fall. 1. Auflage. Duncker & Humblot, Berlin 2018, ISBN 978-3-428-15313-8, S. 192.
  17. BArch: NS 21 / 53 Diensttagebuch Sievers, Eintrag vom 7. Januar 1944
  18. BArch: NS 21 / 908, Korrespondenz Ahnenerbe und Devisenstelle des Reichssicherheitshauptamtes
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Straßburger Schädelsammlung
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