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Slowakische Literatur
slowakische Literatur ab 8. Jahrhundert Aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
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Slowakische Literatur ist die Literatur in slowakischer Sprache im engeren Sinn und auf dem Gebiet der heutigen Slowakei entstandene Literatur im weiteren Sinn.
Erste schriftliche Denkmäler
Die ältesten bekannten schriftlichen Zeugnisse auf dem Gebiet der heutigen Slowakei – wenn auch keine literarischen – stellen Aufschriften auf keltischen Münzen dar, welche mehr als 2000 Jahre alt sind. Der erste Autor eines literarischen Werkes, welches auf dem Gebiet der Slowakei geschrieben wurde, war der römische Kaiser Marcus Aurelius. Während seiner Feldzüge gegen die Quaden im Jahr 174 verfasste er am Ufer des Flusses Grannus (Hron) sein philosophisches Werk Ta eis heauton („Selbstbetrachtungen“).[1]
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Altslawische Literatur
Die ersten heimischen Literaturzeugnisse entstanden zur Zeit des Mährerreiches. Als Verdienst der beiden Slawenmissionare Kyrill und Method entstand im 9. Jahrhundert eine neue slawische Schrift, die Glagoliza (slowakisch: hlaholika), welche die Entwicklung von Schrifttum und Literaturwerken in altslawischer Sprache ermöglichte.[2] Diese kulturelle Tradition des Großmährischen Reichs war jedoch jahrhundertelang durch die Verwendung der lateinischen Sprache als Amtssprache im Königreich Ungarn sowie – nach der Reformation – durch das Vordringen der tschechischen Sprache (sog. „Bibeltschechisch“) verschüttet, die von den katholischen Slowaken nicht als Fremdsprache, sondern als hochsprachliche Form ihres eigenen Dialekts betrachtet und als Schriftsprache genutzt wurde. Erst im 19. Jahrhundert wurden diese frühen Traditionen wiederentdeckt.[3]
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Literatur der frühen Neuzeit
Wichtig für die Entwicklung des Nationalbewusstseins wurden die Volksdichtungen und Sagen aus der frühen Neuzeit, die auf dem Gebiet des damaligen Königreichs Ungarn entstanden, etwa über den König Matthias Corvinus, die Türkenkriege und vor allem den Räuberhauptmann und Volkshelden Juraj Jánošík, der 1713 hingerichtet wurde. Diese Dichtungen spielten eine bedeutende identitätsbildende Rolle, als sich der Magyarisierungsdruck im 19. Jahrhundert ständig erhöhte.[4] Hingegen verfassten slowakische Humanisten ihre Texte meist in lateinischer oder tschechischer Sprache.
Nationale Erneuerung
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Die Gegenreformation führte zu einer Belebung der volkstümlichen Erbauungsliteratur in slowakischer Sprache (sog. „Jesuitenslawisch“), während gleichzeitig viele Protestanten aus dem Land vertrieben wurden. Zu diesen gehörte auch der Pfarrer Stefan Pilarick (Pilárik), der um 1680 nach mehreren Etappen seines Exils einen Bericht über seine Versklavung durch die Türken in slowakischer Sprache schrieb[5] (in deutscher Sprache 1684 in Bautzen erschienen).
Während vor allem Protestanten an der tschechischen Sprache festhielten, entwickelten sich infolge der Schulreformen der 1770er Jahre erste Bemühungen um die schriftsprachliche Fixierung des Slowakischen. Die Josephinischen Reformen und die Säkularisierung beschleunigten diese Tendenzen. So erschien 1790 die erste Grammatik auf der Grundlage des westslowakischen Dialekts.[6]
Das erste „slowakische“ Literaturwerk stellte der vom katholischen Priester Jozef Ignác Bajza 1783 bis 1785 veröffentlichte Roman „René mláďenca príhodi a skusenosti“ (Abenteuer und Erfahrungen des Jünglings René) dar, der in einem stark slowakisierten Tschechisch verfasst war, das sich jedoch nicht als Literatursprache durchsetzte. Erfolgreicher war wiederum ein Priester namens Anton Bernolák, der 1787 eine erste, auf dem Westslowakischen basierende slowakische Schriftsprache schuf (das sogenannte Bernolákisch). Diese slowakische Schriftsprache nutzten Juraj Fándly (1750–1811) und Ján Hollý (1785–1849). Fándly brachte 1789 das erste größere literarische Werk in Bernolakischem Slowakisch heraus, das sich satirisch mit den Zuständen in den Klöstern auseinandersetzte. Der Dichter Hollý nutzte das Bernolákische Slowakisch zur Übersetzung klassischer Autoren wie Homer, Vergil und Horaz, sowie für seine nach deren Vorbild geschaffenen Epen über Helden aus der Frühzeit des slowakischen Volkes, so über den Fürsten „Svätopluk“ (1833), und „Cirillo-Metodiada“ (1835). Hollý idealisierte in seinen Oden und Elegien auch das slowakische Hirtenleben.[7] Diese Werke dienten aber auch zur Markierung einer slowakischen bzw. panslawistischen Identität in Abgrenzung zum ungarischen Teil des Habsburgerreichs.

Das Bernolákische konnte sich nicht als allgemeine slowakische Literatursprache durchsetzen, da die nationalbewussten protestantischen Intellektuellen die wiederbelebte tschechische Sprache verwendeten. Deren wichtigste Vertreter waren Ján Kollár (1793–1852) und Pavel Jozef Šafárik (1795–1861). Kollár hob die gemeinsamen Wurzeln der tschechischen und slowakischen Sprache hervor und versuchte, eine „tschechoslowakische“ Schriftsprache unter den gebildeten Slowaken zu popularisieren. In dieser Sprache verfasste er auch sein 1826 erschienenes Meisterwerk „Slávy dcera“ (Tochter der Slava). Kollár vertrat ein idealisiertes Slawenbild, das die slowakische Literatur bis ins 20. Jahrhundert immer wieder tief prägte. Auch legten Kollár wie auch Šafárik eine Sammlung slawischer Volkslieder an.[8] Als allgemein akzeptierte slowakische Hochsprache setzte sich erst die zwischen 1843 und 1846 durch den protestantischen Gelehrten Ľudovít Štúr und dessen Mitstreiter kodifizierte Schriftsprache durch, die auf mittelslowakischen Mundarten basierte. Diese wurde von einer Vielzahl jüngerer Dichter und Schriftsteller angenommen, die die klassischen Werke der slowakischen Romantik schufen, so Samo Chalupka, Janko Kráľ, Ján Botto und Andrej Braxatoris-Sládkovič.[9][10]
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Realismus und Naturalismus
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Mit Svetozár Hurban Vajanský und Pavol Országh Hviezdoslav kam es zur Epoche des slowakischen poetischen Realismus. Hviezdoslav, der anfangs in ungarischer Sprache schrieb und noch von der Romantik beeinflusst war, verfasste die Gedichtsammlungen „Jesenné zvuky“ (Herbstlicher Klang, 1878), „Oblaky“ (Wolken; 1879) und „Krvavé Sonety“ (Blutige Sonette; 1882–1886). Höhepunkt seines umfangreichen Schaffens bedeutender Natur- und Gedankenlyrik war die in drei Bänden veröffentlichte Lyrikanthologie „Leterosti“ (Wachstumsringe; 1885–1886). Darüber hinaus trug Hviezdoslav mit der Übersetzung der Werke von Shakespeare, Goethe, Schiller, Słowacki, Mickiewicz und Petőfi zur Verbreitung der Weltliteratur in seinem Lande bei.[11] In seinen Versepen beschrieb er den Niedergang des Landadels.
Einige der populärsten Werke des slowakischen Realismus wurden von Schriftstellerinnen verfasst, insbesondere Božena Slančíková (1867–1951). In ihren naturalistischen Erzählungen wie „Veľké šťastie“ (Großes Glück; 1906) und „Ťapákovci“ (Die Familie Ťapák; 1914) beschrieb sie das einem raschen Wandel untergeworfene Leben der slowakischen bäuerlichen und städtischen Gesellschaft.[12]
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Moderne
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Um die Wende zum 20. Jahrhundert bahnte sich unter Janko Jesenský (1874–1945) und Ivan Krasko (1876–1958) ein Umbruch in der Lyrik an. Krasko, der unter anderem mit den Gedichtsammlungen „Nox et solitudo“ (Nacht und Einsamkeit; 1909) und „Verše“ (Verse; 1912) bekannt wurde, wird als eigentlicher literarischer Begründer der slowakischen Moderne bezeichnet. Die Befreiung von den Vorgaben der ungarischen Kulturpolitik und die Gründung der Tschechoslowakischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg schufen günstige Bedingungen für den literarischen Aufschwung in der Tschechoslowakei der 1920er und 1930er Jahre.
Allerdings vollzog sich der Modernisierungsprozess in der Slowakei ungleich langsamer als in Böhmen und erwies sich eher als Problem. Hinzu kam, dass die slowakische Bevölkerung ihre Lage nicht als gleichberechtigt empfand und viele soziale Fragen ungelöst blieben. Unter dem Einfluss der Revolution in Russland gründete sich 1924 die linke Autorengruppe DAV (die „Davisten“). Als Lyriker, Erzähler, Dramatiker und Übersetzer war der Kommunist und Jurist Ján Poničan (1902–1978) ihr radikalster Vertreter, der die literarische Vergangenheit verwarf und sich vor allem von der revolutionären russischen Lyrik beeinflusst zeigte.[13] Als bekanntester Dichter der Gruppe kann Ladislav Novomeský (1904–1976) gelten. Er suchte in seinem reichen dichterischen Werk – darunter die Gedichtsammlungen „Nedeľa“ (Sonntag; 1927) und „Romboid“ (Rhomboid; 1932), „Otvorené okná“ (Offene Fenster; 1935) und „Sväty za dedinou“ (Der Heilige hinter dem Dorf; 1939) – eine experimentelle, artistische Poesie mit dem sozialistischen Engagement zu verbinden.[14]
Die Kriegsschicksale und die Erfahrungen der Menschen in den veränderten Nachkriegsverhältnissen verarbeiteten Milo Urban (1904–1982) in seinem Roman „Živý bič“ (Die lebendige Geißel; 1927) und Jozef Cíger-Hronský (1896–1960) in den expressionistischen, das Landleben in den Mittelpunkt stellenden Prosawerken „U nás“ (Bei uns daheim; 1923), „Chlieb“ (Brot; 1931) und „Jozef Mak“ (1933).
Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Sturz der katholisch-ultranationalistischen Vasallenregierung des 1939 gegründeten Slowakischen Staats unter Jozef Tiso emigrierten mehrere katholische Autoren wie Imrich Kružliak oder Rudolf Dilong (1905–1986) in den Westen. Cíger-Hronský wurde Vorsitzender der slowakischen Schriftsteller im Exil. Viele säkulare oder kommunistische Autoren und Kritiker wie Ladislav Novomeský, Jozef Felix oder Michal Chorváth leisteten Widerstand oder beteiligten sich am Slowakischen Nationalaufstand 1944.[15]
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Literatur unter dem Sozialismus
Zusammenfassung
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Mit Ausnahme der Autoren, die dem Tiso-Regime nahegestanden hatten und das Land verlassen mussten, erlebten alle literarischen Bewegungen der Slowakei in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einen erneuten Aufschwung. Die Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948 empfanden viele slowakische Dichter und Schriftsteller zunächst nicht als bedrückend; viele identifizierten sich mit dem neuen Staat, seinem säkularen Universalismus und Kollektivismus und seiner Industriesymbolik. Der weithin angesehene und mit dem Ruhm des Widerstandskämpfers ausgezeichnete Ladislav Novomeský warb 1949 auf dem ersten gemeinsamen Kongress der tschechischen und slowakischen Schriftsteller in Prag für die Unterstützung der Partei beim Aufbau des Sozialismus.[16] Der kommunistische slowakische Schriftstellerverband, dem alle Autoren beitreten mussten, denen an weiteren Veröffentlichungen gelegen war, übte eine absolute Kontrolle über die literarische Produktion aus. Viele Autoren, darunter der Lyriker Ján Smrek, wandten sich ernüchtert von der sozialistischen Modernisierung ab. Erst 1993 wurde posthum ein 40 Jahre altes Gedicht von ihm aufgefunden, das von seinem demokratischen Engagement zeugt.[17] 1951 wurde auch der traditionelle sozialistische Dichterkreis der „Davisten“ aufgelöst. Sein prominentestes Mitglied, Ladislav Novomeský, der inzwischen hohe Partei- und Regierungsfunktionen innehatte, wurde verhaftet und aus der Partei ausgeschlossen.[18]
Nach dem Tod Stalins 1953 verbreitete sich auch in der Tschechoslowakei zögernd das von der neuen Führung in Moskau verordnete „Tauwetter“. Von Machtmissbrauch und Unmenschlichkeit handelte der Gedichtband „Až dozrieme“ (Bis wir reif werden; 1956) von Milan Rúfus, dessen moralisches Pathos als Zeichen einer geistigen Erneuerung verstanden wurde. 1956 trat Dominik Tatarka (1913–1989),[19] der in Die Pfaffenrepublik („Farská republika“, 1948) schon das Tiso-Regime literarisch kritisiert hatte, mit dem Prosawerk „Démon súhlasu“ (Der Dämon des Jasagens) an die Öffentlichkeit. Darin ging er in satirischer Form mit dem Personenkult im Sozialismus, dem Konformismus der Stalinzeit und der ideologischen Verstrickung der Menschen ins Gericht.[20] Als herausragende Gestalt der Prosaautoren jener Jahre gilt Ladislav Mňačko (1919–1994), der nach Überwindung einer doktrinär-kommunistischen Phase mit dem Roman „Smrť sa volá Engelchen“ (Der Tod heißt Engelchen; 1959), einer realistischen und nicht unkritischen Darstellung des Partisanenkampfes im Zweiten Weltkrieg, im In- und Ausland Erfolg erzielte. Mit der Brutalität des stalinistischen Regimes und der dumpfen Stagnation der Novotný-Ära rechnete er in der Aufsatzserie „Oneskorené reportaže“ (Verspätete Berichte) und dem Roman „Ako chutí moc“ (Wie die Macht schmeckt. 1966) ab.[21] Auch wurden einige der seit den 1950er Jahren ausgegrenzten Autoren wie der von Edgar Allan Poe beeinflusste Verfasser von Kurzgeschichten und Romanen František Švantner (1912–1950), Vertreter der katholischen Moderne wie der Lyriker Janko Silan (1914–1984), aber auch manche Opfer der Säuberungen und Exilautoren mit Beginn des Tauwetters um 1958 wieder gedruckt bzw. rehabilitiert.[22]
Während sich seit den 1960er Jahren eine westlich beeinflusste Alternativkultur in urbanen Kaffeehäusern und in privaten studentischen Milieus entwickelte. nord- und lateinamerikanische Autoren und strukturalistische Theorien rezipiert wurden, rebellierten andere Autoren öffentlich gegen die „Tyrannei des Modernismus“ (Tatarka),[23] und die hastige Industrialisierung und Urbanisierung, der sie die Bilder und Werte der slowakischen Volkskunst und die kollektiven Mythen des „Stammes“ entgegenhielten – eine andere Form der Kollektivismus mit der Tendenz zum Folklorismus.[24] Bemerkenswert ist die in Zusammenarbeit von Prager Filmemachern und slowakischen (Drehbuch-)Autoren wie der Lehrerin Alta Vášová (* 1939) entstandene erste „fröhliche Welle der slowakischen Postmoderne“, die Figuren am Rande der Gesellschaft, Kinder, Schwache, Hilflose und Entwurzelte in den Mittelpunkt rückte.[25] In der Dramatik setzte sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre das groteske bzw. absurde Theater durch.
In den 1970er Jahren erhöhte sich erneut der politische Druck auf Kunst und Literatur. Der sozialistische Realismus mit seinen volkstümlichen positiven Helden wurde wie in den frühen 1950er Jahren wieder zur Norm erhoben, wodurch nicht konforme Autoren ihre öffentlichen Publikationsmöglichkeiten verloren, für die Schublade produzieren mussten und ihre eigenen Kommunikationskreise aufbauten oder ins Exil gingen. Es entstand eine Welt der Gegenwerte wie „Protest“, „Dissens“ und „Exil“, die nicht immer mit der literarischen Qualität der Werke zusammenhingen.[26] Auch taten sich Nischen in peripheren Genres auf wie der historische Roman, der Kriminalroman oder die Science-Fiction-Literatur.
Ein reiches Kapitel der slowakischen Literatur bildeten in den folgenden Jahren dennoch die Gedichte, Geschichten und Romane für Kinder, zu denen neben anderen Milan Rúfus beigetragen hat. Seine in den Nachkriegsjahren entstandenen Gedichte veröffentlichte er erst 1974 unter dem Titel „Chlapec maľuje dúhu“ (Ein Knabe malt den Regenbogen). Seine Richtschnur, die vom Dichter geforderte Ehrlichkeit, durchzieht sein gesamtes lyrisches Werk, bis zu den in den 1990er Jahren erschienenen Sammlungen „Neskorý autoportrét“ (Spätes Selbstporträt; 1992) oder „Čítanie z údelu“ (Lesen als Schicksal; 1996). Rúfus galt bis zu seinem Tod 2009 als der bedeutendste lebende slowakische Dichter,[27] seit 1991 bis zu seinem Tod wurde er jedes Jahr für den Literaturnobelpreis nominiert.[28]
Die Charta 77, die unter anderem von Tatarka unterzeichnet wurde, der deshalb untertauchen musste, fand in der Slowakei bei weitem nicht die gleiche Resonanz wie im tschechischen Landesteil. Auch wirkten die Exilautoren kaum auf die inländische Literatur zurück. Aufgrund der vorsichtigen Öffnungstendenzen der 1980er Jahre erfolgte vielmehr eine Wiederentdeckung und Annäherung an die der Ideenwelt des multikulturellen, in ethnischer und religiöser Hinsicht diversen und toleranten Mitteleuropas, das neben Katholizismus und Protestantismus auch das Judentum, den griechischen Katholizismus oder die Orthodoxie einschließt.[29] Einige Zeitschriften begannen in diesem Klima, das weniger repressiv war als im tschechischen Landesteil, mit dem Abdruck von Schubladenliteratur und der Schriftstellerverband versuchte, die Kluft zwischen den öffentlich publizierenden Autoren und den Dissidenten zu überbrücken, wobei man mit Ironie, Sarkasmus und Parodie an die erste Welle der Postmoderne anknüpfte.[30]
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1989/1993 bis 2023
Zusammenfassung
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Seit der Wende 1989 entstanden neue Kleinverlage und Privatbuchhandlungen; ein freier Literaturmarkt entwickelte sich. Eine staatlicher Fond (Pro Slovakia) unterstützte Literaturprojekte, ohne inhaltlich in Entscheidungen einzugreifen, und staatlich subventionierte Literaturzeitschriften mit erneuerter Redaktion wie „Slovenské pohľady“ (Slowakische Ansichten) oder neu gegründete Blätter wie „Literárny týždenník“ (Literarische Wochenzeitung) boten jungen Autoren wieder ein Podium zur Vorstellung und Diskussion.[31] Außerdem fanden viele vor 1989 verbotene Autoren wieder Verlage, so z. B. der Lyriker und Essayist Ivan Laučik (1944–2004), der Prosaautor und Kritiker Ivan Kadlečík (1938–2014), Pavel Hruz (* 1941–2008), der seit seiner ironischen Kritik des Personenkults 1968 (Okultizmus) nicht mehr publizieren durfte, und der Schubladenautor Martin Šimečka (* 1957).[32]
Die Trennung der Slowakei von Tschechien ohne Volksabstimmung 1993 (die „samtene Scheidung“, so der Titel eines 2024 erschienenen Buchs von Jana Karsaiova) zwang etliche Literaten, die sich als Tschechoslowaken verstanden, zu einer schwierigen Entscheidung zwischen den beiden in wirtschaftlicher Hinsicht sehr ungleichen Nationen und ihren Sprachen (der slowakische Buchmarkt war damals wesentlich kleiner). So wurden von Vertretern einer neuen „repräsentativen“ Nationalkultur, die in der Traditionslinie des sozialistischen Realismus stand, ohne Rücksicht auf die plurale Situation der Gegenwartsliteratur und die multikulturellen Grundlagen der slowakischen Gesellschaft gegenüber den ehemaligen Dissidenten schon bald die Vorwürfe des Kosmopolitismus und der Kommerzialisierung der Literatur erhoben. Dabei spielte die Konkurrenz um finanzielle Förderung und symbolische Ehrungen eine nicht unerhebliche Rolle.[33] Seit der Trennung häuften sich auch massive staatliche Eingriffe in das kulturelle Leben. So wurden Slovenské pohľady die Subventionen entzogen und die Zeitschrift musste ebenso wie Aréna, Tichá voda und andere eingestellt werden.[34]
Zeitgenössische Autoren sind beispielsweise die Lyrikerin Mila Haugová (Zwischen zwei Leeren, dt. 2020), der Erzähler und Romanautor Michal Hvorecký (City und Troll, zwei politische Dystopien, beide dt. 2018), der Schriftsteller, Dramatiker, Übersetzer und Verleger Milan Richter, der Kinderbuchautor Daniel Hevier (* 1955),[35] die Essayistin und Dichterin Dana Podracká (* 1954),[36] die Schriftstellerin und Publizistin Jana Beňová und die Lyrikerin und Kulturmanagerin Katarína Kucbelová (* 1979), die in ihrem auf genauen Milieustudien basierenden Roman Die Haube (dt. 2023) das Leben einer alten Haubenstickerin in ärmlichen einem Dorf der Tatra schildert.[37]
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Seit 2023
in den letzten Jahren und insbesondere seit Regierungsantritt Robert Fico 2023 fand die zunehmende politische Spaltung der Gesellschaft Ausdruck in einem Kulturkampf, in dem sich eine national orientierte populistische Regierung und eine große Zahl oppositioneller Kulturschaffender gegenüberstehen.[38] Unter anderem wurde der Direktor des Nationaltheaters entlassen. Tendenzen zur Zensur sind ebenfalls zu spüren.[39] Eine Mehrwertsteuererhöhung auf Bücher musste wieder zurückgenommen werden.
Siehe auch
Literatur
- Alois Schmaus: Slovakische Literatur, in: Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Bd. 20, München 1996, S. 444–454.
- Peter Zajac: Auf den Taubenfüßchen der Literatur: Ein Buch über slowakische Literatur und Kultur. Einführung von Ute Raßloff. Blieskastel 1996.
- Peter Zajac (Hrsg.): Wie Laub von einem Baum. 29 Geschichten aus der Slowakei. Blieskastel 1994 (Anthologie).
Einzelnachweise
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